LEBENS I DATEN: Tagung 150 Jahre Standesämter in Sachsen
Die Einrichtung der Standesämter vor 150 Jahren bildete den Anlass für eine Fachtagung, die vom 5. bis 6. Juni 2026 an der SLUB Dresden stattfand. Im Mittelpunkt standen die Personenstandsunterlagen, die unter verschiedenen Aspekten und Blickwinkeln betrachtet wurden. Das Staatsarchiv Leipzig war mit einem Vortrag beteiligt.
Die Tagung unter dem Titel „Lebens I Daten. Staatliches Register – genealogische Ressource – kollektives Gedächtnis. 150 Jahre Standesämter in Sachsen“ wurde vom Dresdner Verein für Genealogie e. V. und der Sächsischen Landes- und Universitätsbibliothek Dresden organisiert. Als Teilnehmerinnen und Teilnehmer vereinte sie Standesbeamte, Genealogen, Archivare, Forschende unterschiedlicher Fachrichtungen, familiengeschichtlich Interessierte und Bürgerwissenschaftler.
In ihren Grußworten hoben Dirk Weissleder von der Deutschen Arbeitsgemeinschaft genealogischer Verbände e. V. und Tom Hornig als Vertreter des Landesfachverbandes der Standesbeamtinnen und Standesbeamten des Freistaates Sachsen e. V. die Bedeutung der Standesamtsunterlagen für die Genealogie in Gegenwart und Zukunft hervor und betonten die Veränderungen im Berufsbild des Standesbeamten.
Aufbruch & Herausforderungen
Die ersten beiden Vorträge nahmen die historisch-politischen Rahmenbedingungen in den Blick. Martin Munke skizzierte die Entwicklung der amtlichen Statistik in Sachsen im 19. Jahrhundert und stellte dazu digitalisierte Quellen aus der SLUB Dresden vor.
Ronny Steinicke erläuterte aus juristischer Perspektive den Kraftakt, der im 19. Jahrhundert in Sachsen notwendig war, um Standesämter einzurichten und Standesbeamte zu bestellen.

Epochen & Zäsuren
Mathias Schafmeister zeigte in seinem Vortrag, dass das Personenstandswesen im Dritten Reich ein Instrument der NS-Rassenpolitik war. Die Standesämter erfuhren eine außergewöhnliche Aufwertung, die Standesbeamten erfüllten die neue Rolle mit Eifer und Initiative. Die Stellung im NS-System versuchten sie nach 1945 umzudeuten. Erst 2002 wurde eine Studie zur Aufarbeitung ihrer Geschichte im Nationalsozialismus vorgelegt.
Christian Kirchner berichtete über sein genealogisches Forschungsprojekt, dass unter Nutzung der Personenstandsunterlagen die Ursprünge der Unternehmerfamilie Kamprad in Thüringen aufzeigt.

(Foto: Anett Müller)
Forschung & Methoden
Der dritte Block wurde eingeleitet mit einem Vortrag von Katrin Heil vom Staatsarchiv Leipzig, die sich den Zweitbüchern zuwandte. Sie zeigte ihre historische Entwicklung auf und wies auf die im Sächsischen Gesetz zur Ausführung des Personenstandsgesetzes vom 11. Dezember 2008 festgelegte Zuständigkeit des Sächsischen Staatsarchivs zur Archivierung hin. Im Staatsarchiv Leipzig werden die Bestände 22000 Standesamt-Zweitbücher der Gemeinden Sachsens und 22528 Standesamt-Zweitbücher der Gemeinden Sachsens nach 1990 verwahrt. Anhand von Beispielen stellte sie außerdem heraus, auf welche Personenstandsunterlagen in den Beständen des Sächsischen Staatsarchivs noch zurückgegriffen werden kann.
Marion Matthias-Albrecht wandte sich dem Berufsbild des Standesbeamten zu. Im Jahre 1876 ausgerüstet mit Feder und Papier bestimmen heute „Autista“ als Fachverfahren und die digitale Signatur den Arbeitsalltag. Erst seit 2009 dürfen die weiblichen Standesbeamten mit „Die Standesbeamtin“ beurkunden.
Stefan Fink berichtete über das erfolgreiche Projekt der Digitalisierung der Personenstandsunterlagen des Archivverbundes Pirna über das Landesdigitalisierungsprogramm.

Im Anschluss daran präsentierte Jan Michael Goldberg die Idee einer Plattform, die alle digitalisierten historischen Personenstandsunterlagen zusammenführt und durch Citizen Science bereichert. Ein erster Test soll Mitte Juni 2026 über CompGen erfolgen.
Katrin Moeller ging zunächst auf den Vortrag von Jan Michael Goldberg ein und gab Anregungen für die geplante Plattform. In ihrem Vortrag stellte sie eine Untersuchung zu Frauenbiografien in Halle (Saale) vor. Sie betonte nochmals die Wichtigkeit der personenbezogenen Daten für die Forschung, insbesondere für Langzeitstudien.
In der Diskussion der letzten beiden Vorträge äußerten die Teilnehmenden Bedenken hinsichtlich ökologischer Aspekte sowie der Redundanz und Doppelstruktur der Daten. Daneben sei zu befürchten, dass die Grenzen zwischen Original und vorgenommenen Ergänzungen immer mehr verwischen. Quellenkritik wird daher für die Forschenden zunehmend wichtiger.

Die Tagung näherte sich dem Thema aus unterschiedlichen Perspektiven, zeigte breite Facetten auf und schlug den Bogen von den Anfängen bis zur Gegenwart. Sie wies auf das Potential und die Möglichkeiten der Quellen für die verschiedenen Bereiche hin. Dabei ist eine Bündelung der Ressourcen und eine Vernetzung wichtig. Das wurde sowohl in den anregenden Diskussionen, im konstruktiven fachlichen Austausch der Vorträge als auch in den Pausengesprächen sichtbar. Letztendlich trugen auch die guten Rahmenbedingungen zum Gelingen der Tagung bei. Dafür den Ausrichtern nochmals ein Dankeschön.
OpenEdition schlägt Ihnen vor, diesen Beitrag wie folgt zu zitieren:
Anett Müller (17. Juni 2026). LEBENS I DATEN: Tagung 150 Jahre Standesämter in Sachsen. SAXARCHIV-Blog. Abgerufen am 5. September 2026 von https://doi.org/10.58079/16f2d

Moin zusammen, gibt es die Vorträge auch als Video zu sehen ? VG. Thomas S.
Sehr geehrter Herr Skibbe, vielen Dank für Ihre Anfrage. Leider liegen keine Videoaufzeichnungen von den Vorträgen vor.