Skartierung, Speicher und Akt: Praktikum im Österreichischen Staatsarchiv
Unterschiede und Gemeinsamkeiten im Archivwesen Österreichs und Deutschlands finden sich nicht nur in der Sprache. Während meines Erasmus-Praktikums im Österreichischen Staatsarchiv durfte ich eine Vielzahl unterschiedlicher Eindrücke sammeln.
Während der Ausbildung zur Fachangestellten für Medien- und Informationsdienste, Fachrichtung Archiv durchlaufen wir verschiedene Praktika, von denen in diesem Blog bereits berichtet wurde. Im dritten Lehrjahr, kurz vor der Abschlussprüfung besteht zudem die Möglichkeit eines freiwilligen Zusatzpraktikums.
Die Besonderheit: es darf auch im europäischen Ausland absolviert werden und kann durch das ERASMUS+-Programm gefördert werden. Ich wollte diese Möglichkeit nutzen, um mehr über die Arbeit eines Archives auf höchster staatlicher Ebene zu erfahren. Deshalb habe ich mich um ein vierwöchiges Praktikum im Österreichischen Staatsarchiv beworben.
Erasmus+ ist das Förderprogramm der Europäischen Union für Bildung, Jugend und Sport. Es unterstützt Menschen jeden Alters dabei, im europäischen Ausland zu lernen, zu studieren, Praktika zu machen oder zu unterrichten. Neben dem klassischen Auslandssemester an der Uni fördert das Programm auch Schüler, Azubis, Lehrkräfte und Jugendarbeit.
Struktur und Aufgaben des Österreichischen Staatsarchivs
Das Österreichische Staatsarchiv ist das zentrale Archiv der Republik Österreich. Seine heutige Struktur ist das Ergebnis einer längeren Entwicklung. Eine organisatorische Zusammenfassung der Wiener Zentralbehördenarchive gelang zunächst weder in der Monarchie noch in der Ersten Republik. Erst nach 1945 wurde das Österreichische Staatsarchiv als bundesstaatliche Einrichtung fest verankert.
Seit der Schaffung des Archivs der Republik im Jahr 1983 gliedert sich das ÖStA in vier Archivabteilungen an zwei Standorten: Allgemeines Verwaltungsarchiv – Finanz- und Hofkammerarchiv, Haus-, Hof- und Staatsarchiv, Kriegsarchiv und Archiv der Republik. Die ersten drei werden im Zuge dieser Entwicklung als „historische Archive“ bezeichnet, während die Überlieferung des Bundes seit 1918 vom Archiv der Republik übernommen wird.

Speicher
Mein Praktikum habe ich hauptsächlich im Archiv der Republik absolviert und hatte zudem die Möglichkeit, durch Führungen von Mitarbeitenden des ÖStA in den Speichern des Kriegsarchivs und des Haus-, Hof- und Staatsarchivs diese Abteilungen näher kennenzulernen. Wer bei Speicher wie ich zunächst an eine Art verstaubten Dachboden denkt, wird erstaunt sein: denn Speicher sind hier moderne, klimatisierte Magazinräume. Und davon gibt es insgesamt 106 an zwei Standorten!
Erschließung
Meine laufende Aufgabe während des Praktikums war die Erschließung von Personalunterlagen nachgeordneter Dienststellen des Bundesministeriums für Handel und Wiederaufbau. Konkret waren das Akten von Mitarbeitern der Bundesgebäudeverwaltungen aus den Jahren 1956 bis 1958. Die Bundesgebäudeverwaltung I war für die zivilen, die BGV II für die militärischen Gebäude zuständig.
Diese eigentlich relativ gleichförmigen Massenakten haben einen für mich unerwartet spannenden Einblick in die Österreichische Nachkriegsgeschichte und den Umgang mit der nationalsozialistischen Vergangenheit geboten.



Entnazifizierung und Amnestierung in Österreich: Grundlage der Entnazifizierung war das Verbotsgesetz vom 8. Mai 1945, das die NSDAP untersagte, ihre Mitglieder erfasste und Sanktionen wie Strafverfolgung, Vermögenseinziehung und Berufsverbote vorsah. Mit dem Nationalsozialistengesetz vom 6. Februar 1947 erfolgte die Einteilung in „Belastete“, „Minderbelastete“ und „Mitläufer“. Amnestiegesetze reduzierten die erlassenen Sanktionen ab 1948 schrittweise. Die Generalamnestie von 1957 hob die meisten verbliebenen Einschränkungen auf und markiert das rechtliche Ende der Entnazifizierung.
Skartierung
Der besondere Wert dieser Unterlagen ergibt sich auch aus dem Umstand, dass sie nicht kassiert wurden und daher einen lückenlosen Blick auf die Personalsituation dieser Dienststellen erlauben. Kassation wird in Österreich als „Skartierung“ bezeichnet, darunter versteht man die geregelte Aussonderung und Vernichtung von Unterlagen, die nach archivischer Bewertung nicht als archivwürdig eingestuft wurden.
Benutzung und Beidienst
An zwei Tagen konnte ich die Benutzung des ÖStA aus nächster Nähe kennenlernen. Für die Ausgabe und Rücknahme von Akten ist eine Person zuständig, während eine weitere Person den sogenannten „Beidienst“ versieht, die kostenpflichtige Benutzung anmeldet und bei Forschungsfragen berät.
Die Nutzerinnen und Nutzer waren ausgesprochen international: Neben Forschenden aus Österreich waren Personen aus Deutschland, Ungarn, Italien, Spanien, den Niederlanden und Südamerika anwesend – sicher auch eine Folge der großen historischen Ausdehnung und Bedeutung der Habsburgermonarchie. Die Unterlagen des Kriegsarchivs, das zu den bedeutendsten Kriegsarchiven Europas zählt, werden besonders intensiv nachgefragt.
Restaurierung
Besonders eindrücklich war ein Tag in der hausinternen Restaurierungswerkstatt. Dort konnte ich beobachten, wie brandgeschädigte Akten, die beim Justizpalastbrand 1927 schwer beschädigt worden waren, mit Zellstofffasern angefasert und so fehlende Bereiche stabil ergänzt werden.

Zudem durfte ich bei der restauratorischen Bearbeitung einer osmanischen Urkunde aus dem Jahr 1699 mitwirken, die den Friede von Karlowitz bestätigt. Das sehr brüchige Papier war in der Vergangenheit mehrfach, teilweise mit Selbstklebeband, fixiert worden. Da dieses Vorgehen den heutigen konservatorischen Standards nicht mehr entspricht und das Material langfristig schädigt, wurden im Rahmen der Behandlung die Klebestreifen behutsam entfernt und brüchige Stellen mit Japanpapier geschlossen.


Ausbildung in Österreich
Bereichernd war auch der Austausch mit dem Lehrling des ÖStA, mit dem ich mir das Büro teilen durfte. In Österreich wird die Ausbildung zum Archiv-, Bibliotheks- und Informationsassistenten ebenfalls als dreijährige duale Ausbildung durchgeführt; Tätigkeitsfelder und Anforderungen entsprechen weitgehend denen eines FAMI in Deutschland.
Standorte
Neben meiner Arbeit am Standort in der Nottendorfer Gasse konnte ich auch den zweiten Standort des ÖStA am Minoritenplatz besuchen. Im Rahmen einer Führung durch das Haus-, Hof- und Staatsarchiv erhielt ich Einblicke in jenes Archiv, das als „Gedächtnis der Habsburgermonarchie“ gilt.
Haus-, Hof- und Staatsarchiv: Das Haus-, Hof- und Staatsarchiv wurde 1749 von Kaiserin Maria Theresia als zentrales Archiv des Hauses Habsburg gegründet. Ziel war es, die bis dahin verstreut verwahrten Herrschafts- und Rechtsnachweise an einem Ort zu bündeln, damit wichtige Titel und Belege der Dynastie künftig rasch verfügbar waren. Die Bestände des Archivs reichen vom Jahr 816 (eine Urkunde Kaiser Ludwigs des Frommen) bis 1918
Besonders beeindruckt hat mich der Besuch in den Magazinräumen am Minoritenplatz. Die Erschließungs- und Lagerungsbedingungen entsprechen zwar nicht in allen Punkten dem heutigen Stand moderner Magazinbauweise, doch die Räume sind architektonisch und atmosphärisch von großer Schönheit und lassen die lange Geschichte des Archivs unmittelbar spürbar werden.

Ein besonderer Akt
Unvergesslich war die Möglichkeit, zentrale historische Zeugnisse des Archivs selbst in die Hand zu nehmen: Unter anderem wurde mir der Schlussakt (in Österreich heißt es der Akt, nicht die Akte) des Wiener Kongresses vorgelegt, jenes Dokument, das 1815 die Neuordnung Europas nach den napoleonischen Kriegen besiegelte und zugleich die europäische Dimension der habsburgischen Überlieferung eindrucksvoll erfahrbar macht. Korrespondierende Überlieferung zum Wiener Kongress befindet sich auch im Bestand des Geheimen Kabinetts im Hauptstaatsarchiv Dresden
Fazit:
Insgesamt konnte ich keine gravierenden Unterschiede im Archivwesen zwischen Deutschland und Österreich feststellen. Die Arbeitsweise im Österreichischen Staatsarchiv ist zum Teil etwas anders strukturiert, als ich es aus meinem Ausbildungsbetrieb kenne. So übernimmt im ÖStA jeder Mitarbeiter den gesamten Arbeitsablauf von der Übernahme über die Erschließung bis zur Benutzerbetreuung und Aushebung sowie Reponierung.
Insgesamt wird im Österreichischen Staatsarchiv wesentlich mehr mit den Findmitteln der Registratur, also jenen Verzeichnissen, die bereits in der Behörde zum Auffinden von Akten angelegt wurden, gearbeitet, als ich das aus meiner Ausbildung kenne. Diese Vielfalt der Recherchezugänge war zunächst eine echte Herausforderung für mich, die ich aber dank geduldiger Unterstützung der Kolleginnen und Kollegen gut meistern konnte.
Mein Praktikum im Österreichischen Staatsarchiv war fachlich wie persönlich außerordentlich bereichernd. Besonders bedanken möchte ich mich bei den Kolleginnen und Kollegen im Archiv der Republik für den kollegialen Austausch zur Berufspraxis, den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Restaurierung für die Einblicke in ihre Werkstatt sowie den Mitarbeitenden, die mir im Rahmen von Magazinführungen „ihre“ Bestände vorgestellt haben.
Nicht zuletzt danke ich dem Verantwortlichen für die Vergabe von ERASMUS+-Mobilitäten an der Gutenbergschule, dessen engagierte Unterstützung dieses Praktikum erst möglich gemacht hat und meinen Ausbilderinnen und Ausbildern im Sächsischen Staatsarchiv, die mich bei der Planung und Umsetzung begleitet haben.
OpenEdition schlägt Ihnen vor, diesen Beitrag wie folgt zu zitieren:
Christin Maiwald (17. August 2026). Skartierung, Speicher und Akt: Praktikum im Österreichischen Staatsarchiv. SAXARCHIV-Blog. Abgerufen am 6. September 2026 von https://doi.org/10.58079/16nzq
